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Die Knust und ihre Knüstler

CCC-Visite auf der Dokumenta 8

Eines schönen Tages klingelt bei Peter das Telefon. Dran ist Karel Dudesek (alias Dudelsack) von Minus Delta T (-Dt). Über bestehende Verbindungen zwischen -Dt und CCC siehe auch HACKERBIBEL Seite 32/33.

-DT möchte, "daß der CCC auf der Dokumenta präsent ist", um dem computerignoranten Ambiente ein wenig entgegenzuwirken. Der CCC mochte auch. Am Dienstag den 14,7.1987 war der historische Tag, an dem die CCC-Abordnung hinterm Mond landete, auf dem Felde der Computerignoranten.

Auf zum Public Relations Zentrum. Widerstandslos wurden uns Pressekarten ausgehändigt; offenbar hatte man hier noch nie vom schreckenerregenden CCC gehört. Dazu gab's die Diätversion einer Pressemappe: verwöhnt von der Cebit und anderen MicroMessen hatten wir damit gerechnet, einen Ausstellungskatalog in die Hand gedrückt zu bekommen, anhand dessen man sich seinen Weg durch diverse Häuser, Räume und Plätze erlaufen könnte. Nix. Mehr als allgemeines Blabla gabs nicht.

"Eine Medienkunst, die sich nicht mehr, wie zum Beispiel Video oder Performance in den 70er Jahren, privatistisch zurückzieht, sondern auf großen Wänden, in der Vermischung mit Unterhaltungselementen öffentlicht macht. Einer Kunst, die das kulturelle und soziale Umfeld ernst nimmt und sich ihm stellt, die mit bildnerischen Argumenten kommentiert, appelliert, interveniert." Oder: "Der Weg in die Gesellschaft erfolgt nicht nur über lkonografie und Thematik, sondern auch über die Anknüpfung an Benutzbarkeit und Funktion."

Ich stellte fest, daß an allen Kuntwerken, an denen es etwas zu daddeln gab oder auf die man sich setzten konnte, entweder "Bitte nicht berühren" stand oder ein Absperrseil das Besteigen (Erstbesteigung eines Kunstwerks ohne Sauerstoffgerät) verwehrte.

Ich will nicht behaupten, ich hätte alles gesehen, was die Dokumenta bietet. Das, was ich gesehen habe, hat mir nicht gefallen. Kaum ein Kunstwerk hat mich mehr als ein paar Sekunden fesseln können. Nur drei habe ich ansprechend gefunden. Den ausgestellten GRID Computer (Designer-Kunstwerk), einen auf eine Drehscheibe gestellten Mercedes 300 CE, und den "erweiterten Schwitters", eine automatische Holzstockfigur, die mit Druckluft funkfioniert.

Das hat wedermit einem Hang zum Teuren noch zur Technik zu tun - etliche der anderen Ausstellunsstücke sind bestimmt teurer als die genannten - sondern mit deren klarem Design. Weswegen sie auch in der Designausstellung (in der Orangerie) stehen. Beachtenswert fand ich auch, daß es eine Video- und Audiothek gibt, Videothek mit zwei kleinen Kabinen, in denen man selbst ausgewählte Videos ansehen kann, und einem Großbildprojektor, auf dem ein ständiges Programm läuft. In der Audiothek kann man sich seine KunstOhrwürmer in einer Art Raunfahrersessel anhören.

Ich war um eine gegen Hinterlegung eines noch nicht fälschugssicheren Persos geborgte Video 8 Camera reicher. Sony sponsort die Dokumenta mit etlichen TV-Monitoren und dem kostenlosen Handycamverleih, eine gute Idee. Nur die Videocassette muß man mit 10 DM bezahlen, falls sie einem gefällt.

Ich wanderte zu dem Gelenkbus von Minus Delta T. Weiß, etwa zwweiundzwanzig Meter lang, in der Mitte mit Plastikknautschzone, so 120 Qubikmeter umbauter Raum. Drin zwei Computer, zwei Drucker, drei Monitore, zwei Synthesizer, mehrere Tapes, drei TV-Monitore (auf dem einen lief ständig irgendein Sateliten-Programm), einige Sitzgelegenheiten, ein Büchergrabbeltisch etc. An der Spitze des Busses, neben der Gefriertruhe mit Getränken, eine gigantische Satelliten-Ernpfangsschüssel. An der Querseite zwei große Lautsprecher, obendraufje ein Monitor aus dem Bus und ein Glashaus, in dem die-Radiosendungen produziert werden, Das ganze steht auf dem Platz neben dem Staatstheater, auf dem Weg vom Fridericianum, wo die Hauptausstellung ist, zur Orangerie.

Als Wau eintraf, produzierten wir auf einer nahen Wiese im Halbschatten (Tonqualität entsprechend) ein Interview, das als Werbetext für unseren abendlichen Vortrag ("Der CCC, das Leben und das Universum") über Radio gesendet werden sollte. Schon beim zweiten Anlauf wurde was draus. Während der Abend immer näher rückte und wir an Erholung dachten (keine Kunst mehr), kamen die ersten Interessenten, um uns auszuquetschen, sodaß wir zu spät zum New York, dem Vortragsort, aufbrachen.

Erzählt haben wir über den CCC: was wir sind, machen, arbeiten, aufregend finden, in welche Richtung nach unserer Meinung die Technologie treibt (nach vorne, hinten, oben, unten, links und rechts). Und, wichtigstes Thema: was wir über die Dokumenta & die computerlosen Künstler denken. Und was denken wir? Sowohl Wau als auch ich stellten fest, daß sich außer -Dt und Winfried Scheuer, der den GRID gestaltete, anscheinend kein Künstler mit der Mikroelektronik auseinandergesetzt hat. Wau meinte, es liegt an der Technikfeindlichkeit oder -ängstlichkeit dieser Leute ("Out Of Marmor Error"). Sie sind anscheinend nicht in der Lage, derlei Feindlich- oder Ängstlichkeit innerhalb ihres Zeitgefühls auszudrücken.

Es gab keine Künstler (Ausnahme -Dt, negative Ausnahme: langweilige, gigantomaische Videokunst), die neue Technik einsetzten, um zumindest versuchsweise oder in Gestalt eines vielfältigen und benutzbaren Environments (wie der -Dt-Bus "Für ein neues Leben") daraus oder damit Kunst zu machen, indem sie an dem beschaulichen, herkömmlichen Kunstbegriff kratzen. Unserer Meinung nach ist dies ein Fehler. Ein bedeutender Teil der gegenwärtigen Kultur wird schlichtweg nicht berücksichtigt, sondern verdrängt. Man kann nur hoffen, daß in fünf Jahren, auf der nächsten Dokumenta, Werke zu sehen sein werden, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

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CLINCHIDS-RED/GOBLIN/21.07.87/16:19/9139

 

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